Ein Leben mit Misophonie ... was bedeutet das?

Es gibt ein neurologisches Leiden, von dem kaum jemand wirklich etwas weiß, was aber bei vielen sehr verbreitet ist. Ich selbst leide schon seit einigen Jahren darunter, doch was es genau ist wurde mir erst in den letzten Jahren selber wirklich bewusst. Was bedeutet eigentlich der Begriff Misophonie? Er kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus "miso" und "phonie" zusammen, Wörter, die "Hass" und "Geräusche" bedeuten. Also Hass auf Geräusche. Als ich ungefähr 12/13 Jahre alt war begann es das erste Mal bei mir aufzutreten. Bestimmte Geräusche, die für manche Leute (leider) eher als normal ansehen, wurden für mich immer unerträglicher und es begann sich in den Jahren - besonders beim Essen - ein großes Problem abzuzeichnen. Begann jemand neben mir zu kauen, mit vollem Mund zu reden oder sogar seinen Tee oder Kaffee zu schlürfen (was man auch generell nie tun sollte), bekam ich furchtbare Kopfschmerzen, war ausgelaugt und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Das wurde mit den Jahren immer schlimmer, was für mich schon damals eine Menge Stress bedeutete und schlimmer war noch, das niemand auch in meinem näheren Umfeld das sonderlich ernst nahm und es immer mit Sprüchen wie "hab dich nicht so" oder ähnlichem abgetan wurde. Es stieß auf Unverständnis, weil niemand eine passende Erklärung dafür hatte, doch die Schmerzen und der nervliche Stress waren immer real. Doch was waren die Konsequenzen? Konflikte, weil ich bestimmte Aktivitäten nach und nach mied, mich immer weiter zurückzog und oft lieber alleine war als in Gesellschaft, da ich mir den damit verbundenen Stress nicht antun wollte. Ich vermied Kontakte, grenzte mich ab, weil ich im inneren schon ahnte, dass es zu Stress werden kann und alleine in Ruhe besser dran bin. Das ging über Jahre so, was auch ein Grund ist, warum ich mich heute sicher noch oft ausgelaugt und fertig fühle, da ich gerade in meinen Teenagerjahren viel damit eingebüßt habe, was sich heute rächt. Fakt ist, das Leben wurde teilweise zu einer großen Belastung im Alltag und es machte krank.


Vor einigen Jahren, als es einmal besonders schlimm war, fand ich einen interessanten Artikel im Internet, der sich mit genau diesem Thema befasste und ich dachte, dass ich nun ein bisschen näher daran wäre erklären zu können, was mir (und vielen anderen) fehlt. Es wurde von einem neurologischen Ungleichgewicht bzw. Problem gesprochen, dass sich Misophonie nennt und genau die Symptome, unter denen ich jahrelang gelitten habe, wurden dort aufgezählt. Das machte das Problem nicht besser, aber man hatte zumindest erstmal einige Dinge in der Hand, konnte mal einen entsprechenden Arzt aufsuchen, doch wirklich geholfen hat es bis heute nicht. Nach wie vor wird Misophonie nicht als Krankheit anerkannt, ebenso gibt es keine Behandlungsmöglichkeiten. Doch bei einem Test kam heraus, dass die Auslöser für viele Patienten völlig unterschiedlich sein können. Für den einen sind es Essgeräusche, für den nächsten Kratzen auf dem Stoff oder Tippen auf einer Tastatur. Wenn es jemanden trifft, der an Misophonie leidet wird das Stresshormon Cortisol dabei extrem verstärkt, weil das Gehirn diese Informationen ganz anders aufnimmt und die Geräusche dadurch viel stärker wahrgenommen werden. Der Stress für den Körper wird immer größer und die Kopfschmerzen hämmern nur so. Ich möchte jedem den Tipp geben, besonders Eltern, deren Kinder daran leiden, diese Dinge nicht einfach abzutun, sondern diese Dinge ernst zu nehmen und versuchen diese Auslöser zu vermeiden. Es ist nicht immer einfach, sollte aber eingehalten werden, da es keine Behandlungsmöglichkeiten dafür gibt. Versuchte Therapien, die sich auch darum drehten jemanden diesen Geräuschen speziell auszusetzen, gingen nach hinten los und machten es nur schlimmer.


Was könnten Auslöser sein?

  • Kaugeräusche, besonders Schmatzen, Schlürfen

  • Klirren von Geschirr und Besteck

  • Kratzen auf Stoff

  • Dauerhaftes Tippen auf Tastaturen

  • Kämmen von Haaren (in extremen Fällen)

  • Individuell gibt es weitere Auslöser, jedes Geräusch könnte es theoretisch sein

Was kann passieren?

  • Starker Anstieg des Stresshormons im Körper

  • Nervliche Überlastung

  • Starke Kopfschmerzen

  • Ausgebranntes, ausgelaugtes Gefühl

  • u.ä.

Psychische Belastungen und Einschränkungen im Alltag sind schwer zu bewältigen, besonders wenn es viele immer noch nicht ernst nehmen. Ich komme jetzt mittlerweile besser damit zurecht, auch wenn es mich oft in für mich schwere Situationen bringt, kann ich nur jedem raten, der damit konfrontiert ist ehrlich darüber zu reden und jeder, der es hört, sollte auch darauf achten die entsprechenden Auslöser zu vermeiden. Im Bekanntenkreis hilft es oft schon als Betroffener sein Gegenüber darauf hinweisen, auch wenn es manchmal sicher nicht angenehm ist und man Angst hat vor Zurückweisungen oder das man nicht ernst genommen wird, aber es hilft immer ein ehrliches Gespräch zu führen, als sich mit Schmerzen zu verstecken oder einzuschränken.


ST*



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